Hilfe, ich hab 'ne Marotte

Einige Hochbegabte haben eine Marotte und trauen sich meist nicht darüber zu reden. Ob es der Drang ist immer nur auf den Linien von Pflastersteinen zu laufen, oder vielleicht alles zu zählen, fest steht: Das ist vielleicht nicht normal?

Geht es anderen Menschen auch so?

Oftmals wird diese Eigenart verborgen, denn einige Hochbegabte haben Angst, ihre »Macke« könnte eine Art Zwangshandlung sein. Das ist es natürlich ganz und gar nicht, denn es ist ihre Art Ordnung zu schaffen. Die Welt sieht beispielsweise für »Zähler« wie eine große, bunte Aufgabe aus und sie zählen Alles- und das aus Freude. Was sich für den einen Begabten wie eine Folter anhört, ist für »Zähler« eine Notwendigkeit.

 

Gehören Sie vielleicht auch dazu?

Dann ist es sicherlich schön zu wissen, dass Sie nicht allein sind. Vielleicht geht es Ihnen so, wie dem 46-jährigen Klaus, dessen Bericht Sie bestimmt interessieren wird:

 

"Ich sitze heute Morgen wieder einmal an meinem Rechner und frage mich allen Ernstes, ob es anderen Menschen ähnlich geht wie mir? Ist das, was ich tagtäglich mache eigentlich normal?

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie Alles angefangen hat - Zahlen haben mich schon immer interessiert, aber Addieren und Subtrahieren ist ja an sich nichts ungewöhnliches. Ich aber gehe beispielsweise eine Straße entlang und zähle ganz bewusst die Bordsteine, rechne aus, wie viele in der ganzen Straße verlegt sind. Verlegte Pflastersteine sind dabei ganz interessant, denn je nachdem in welchem Muster sie verlegt sind, ist es (auch wenn man nur ein paar Meter die Straße entlang läuft) einfach auszurechnen, wie viel Quadratmeter in der ganzen Straße verlegt sind. Das Alles wäre ja nicht so dramatisch, aber ich zähle die Fenster an Fassaden, addiere im Vorbeigehen Hausnummern oder Klingelknöpfe an Hauseingängen. Nicht, dass ich unbedingt zu einem Ergebnis kommen muss, vielmehr ist es ein Automatismus der mich das machen lässt, einfach so, ohne darüber nachzudenken. Auf der Autobahn zähle ich die Fahrzeuge, die mich überholen und addiere und subtrahiere, multipliziere oder dividiere die Zahlen der Kennzeichen und merke mir, wie viele VW‘s oder Opel ich während der Fahrt gesehen habe.

Interessant finde ich, dass sich die Autos, die ich im Vorbeifahren sehe, im Laufe der Jahre sehr verändert haben. Sie haben beispielsweise andere Stoßfänger und größere Räder. Ich jongliere nämlich auch gerne mit Zahlen, wenn es um Radgrößen geht. Ich will da mal ein banales Beispiel nennen. Nehmen wir an, mich überholt ein anderes Auto mit 100 km/h und es hat 18 Zoll Räder montiert. Wie oft dreht es sich im Gegensatz zu einem 15 Zoll Rad, überlege ich und das schwirrt dann durch meinen Kopf. Promt beginne ich wieder mit Zahlenspielen.

 

Nun aber zu meinem Lieblingsprojekt. Meine Arbeitsstelle, ein riesiger Gebäudekomplex, habe ich irgendwie kartographiert, das heißt, ich habe alles gezählt was man so zählen kann. Es sind genau 3720 Fenster verbaut und das, wenn ich richtig liege, in 18 verschiedenen Größen. 2724 Fenster sind vergittert, davon aber noch mal 1830 zusätzlich feinvergittert. Es gibt 3221 Türen, davon sind 2723 Sicherheitstüren uns so weiter. Ich zähle immer, wie oft ich am Tag Türen öffne oder schließe, wie viele Schritte ich mache, oder aber auch wie oft ich „Guten Tag“ oder „Alles klar?“ sage.

 

Jetzt aber genug der »Erzählerei«, denn ich muss mich auf den Weg machen und wieder mal Steine zählen. Also, wenn es ähnliche Phänomene auf dieser Welt gibt, dann macht Euch keine allzu großen Sorgen, denn auch wenn es irgendwie spacy klingt, so fühle ich mich sehr gut dabei und bin nach Diagnose meines Hausarztes kerngesund.

Euer Klaus"