Die Wissenschaft vom Kritzeln

Nebenbei-Zeichnungen, die beim Telefonieren, im Hörsaal, im Unterricht, oder bei Meetings entstehen, haben endlich einen Namen: Doodles.


Doodlen liegt voll im Trend und täglich entstehen unzählige kleine Kunstwerke auf Briefumschlägen, Servietten, in Schulbüchern, oder auf kleinen Zetteln. Der Psychologe Georg Franzen beschäftigt sich beruflich mit der Deutung von Kritzelbildern und sieht das Besondere am Kritzeln darin, dass es nebenbei und ohne Vorsatz geschieht. Der Zeichner weiß oft selbst nicht, was am Ende dabei herauskommt. Franzen sieht in den gestaltenden Kräften der Doodles Parallelen zu denjenigen Faktoren, die auch beim Träumen am Werk sind.

 


Entstehen Doodles aus Langeweile?


Für den Psychologen Rainer Klages ist klar, dass Kritzeln ein Ausdruck von Langeweile ist, aber vielfach wird berichtet, dass das Doodlen dabei hilft, die Konzentration aufrecht zu erhalten. Der Kunsthistoriker Ernst Gombrich vermutet das auf jeden Fall, denn besonders bei monotonen Aufgaben tendiert der Geist zum Wandern. Hält man sein Gehirn ein kleines bisschen beschäftigt, ist es einfacher, bei der Sache zu bleiben. Auch umgedreht funktioniert das, denn angeblich sollen sich Rubens beim Malen und Mozart beim Notenkopieren klassische Werke haben vorlesen lassen.


Viele Studenten machen eine ähnliche Erfahrung: Kritzeln sie während der Vorlesung, können sie sich den Stoff besser merken, als wenn sie untätig zuhören. Die geringe Anregung von außen verbessert paradoxerweise die Konzentration, weil sie den Geist am Abschweifen hindert. Klinische Beobachtungen zeigen, dass das Kritzeln eine häufige dynamische Funktion für den Normalmenschen hat, denn die in den Zeichnungen versteckten Fantasien und Gedanken sind jene, von denen sich der Zeichner zu befreien wünscht, damit sie den Prozess der Konzentration nicht stören. Wut oder Furcht können über einen »Nebenausgang« den Geist verlassen und stören das Zuhören nicht länger.

 


Spiralen, Blätter, Ranken und Quadrate


Oftmals weiß man nicht genau, was die Kritzeleien darstellen sollen. Ohne den Zeichner und die Situation zu kennen, in der das Bild entstand, lassen sich Doodles nur schwer deuten, aber einige Interpretationen aus der Traumforschung lassen sich auf Nebenbei-Kritzeleien anwenden. So liegt die Vermutung nahe, dass Spiralen immer dann entstehen, wenn der Zeichner/-in eher nach innen gerichtet, introvertiert und nachdenklich ist. Dreiecke, Quadrate und Rechtecke lassen darauf schließen, dass der Zeichner ein logisch denkender, rationaler Mensch ist, der vielleicht mehr auf Gefühle achten sollte. Zacken stehen für Aggressionen, Gesichter für den Wunsch nach Geselligkeit, Gitter für das Gefühl, eingeengt zu sein und wer Blumen zeichnet, liebt Harmonie.

Die Forscher Norbert Hilbig und Inge Titze untersuchten Schulbank-Kritzeleien und fanden heraus, dass sie die vorherrschenden Gefühle der Schüler spiegeln. Sie fanden beispielsweise Aggression gegen Lehrer und Fantasien von Freiheit und Getragensein. Schiffe, Flugzeuge oder Inseln im Ozean deuten die Forscher als Fluchtfantasien, geometrische Figuren als ruhige, sichere Gebilde, die den Wunsch zeigen, solche Eigenschaften in seinem Leben zu finden.

 


Die heilenden Kräfte der Doodles


Psychologen an der Universität von Sydney statten Jugendlichen in psychotherapeutischen Gruppen erst einmal mit Stift und Papier aus. Sobald sie mit dem Kritzeln beginnen, können sie aufmerksamer zuhören und offenbaren in ihren Zeichnungen Dinge, die sie nur schwer verbalisieren könnten. Über das Spielen mit den Kritzeleien entstehen heilende Einsichten – manchmal so im Verborgenen, dass nicht einmal die Betroffenen sie in Worte fassen können. Auch Gesunde können aus dieser Stärke der unbewussten Malereien ihren Nutzen ziehen. So rät die amerikanische Kunsttherapeutin Virginia Minar: »Kritzeln Sie beim Warten. Das ist ein verlässliches Mittel zum Stress-Abbau. Haben Sie Farbstifte und Papier stets dabei, dann können Sie auch unterwegs zeichnen.«


Doch das Nebenbei-Zeichnen lässt sich noch viel gezielter einsetzen. So rät die amerikanische Kreativitäts-Lehrerin Janet L. Read: »Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie schaffen oder lösen wollen. Dann entspannen Sie Ihren Geist und lassen alles, was an Gefühlen oder Ideen hochkommt, als Zeichnung auf ein weißes Stück Papier laufen.« Anschließendempfiehlt die Autorin das Geschaffene beiseite zu legen und erst später mit frischem Geist wieder darauf blicken. Oft finden sich darin die Lösungen unserer Probleme.

 


Ein Wort in eigener Sache


Liebe Pädagogen,

erlauben Sie das Doddlen in der Schule. Ihre Schüler werden sich besser konzentrieren können, vor allem diejenigen, die leicht ablenkbar sind. Schenken Sie den kleinen Kunstwerken Ihre Aufmerksamkeit und machen Sie eine Ausstellung damit! Ihre Schüler werden es Ihnen danken.


Ihre Birgit Trappmann-Korr

 

 

Quellen:

http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/konferenz-kritzeleien-kreative-zeichnen-sterne-egomanen-ihren-namen-a-798384.html

http://www.pm-magazin.de/a/die-wissenschaft-vom-kritzeln