Wenn Lärm und grelles Licht zur Qual werden

 

 

Birgit Trappmann-Korr im Interview mit Barbara Driessen für Die Welt

 

Ob Lärm, grelles Licht oder intensiver Geruch – Hochsensible erleben viele Umweltreize als Folter. 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung sind betroffen. Doch eine hohe Wahrnehmungsfähigkeit hat auch Vorteile.

 

Michael Jack, 32, weiß noch immer, wie schrecklich es für ihn war, in die Disco zu gehen. "Schon nach fünf Minuten habe ich es nicht mehr ausgehalten", sagt er. Auch Partys, auf denen viele Menschen durcheinanderreden, sind ihm ein Gräuel. Auf Reize in seiner Umwelt hat er von klein auf einfach sehr viel empfindlicher reagiert als seine Altersgenossen. Damit sei vieles weggefallen, was für Jugendliche zu einer normalen Freizeitgestaltung gehöre. "Ich habe einen enormen Anpassungsdruck verspürt, habe mich ständig gefragt: Warum bin ich bloß so und andere nicht?", erzählt er. Heute weiß er, was mit ihm los ist: Er ist hochsensibel.

 

 Hochsensible Menschen nehmen äußere und innere Reize sehr viel intensiver und detaillierter wahr als andere: Ein vorbeifahrendes Polizeiauto mit eingeschalteter Sirene kann für sie wie Folter sein.

 

 

 

 

Angeborene Eigenschaft des Nervensystems

 

 

 

Auch Gerüche oder grelle Lichter empfinden sie oft als äußerst unangenehm. Dabei ist Hochsensibilität keine Krankheit, sondern eine angeborene Eigenschaft des Nervensystems: Reize werden einfach weniger effektiv gefiltert. Etwa 15 bis 20 Prozent aller Menschen sollen nach Studien betroffen sein. "Allerdings in unterschiedlichem Ausmaß", schränkt die Sozialpsychologin und Therapeutin Birgit Trappmann-Korr ein, die ein Buch zu dem Thema geschrieben hat. Die meisten der Betroffenen seien vermutlich nur leicht sensibel, während eine sehr ausgeprägte Sensibilität eher selten sei.

 

Es war die amerikanische Psychologin Elaine Aron, die Ende der 90er-Jahre den Begriff HSP für Highly Sensitive Person (hochsensible Person) prägte und seitdem auf diesem Gebiet forscht. Die Ergebnisse zahlreicher Studien stützen Arons These, dass Hochsensibilität ein vererbtes, grundlegendes Persönlichkeitsmerkmal ist. Hochsensibilität kann vielfältige Formen annehmen, doch einige Merkmale treten relativ häufig auf: etwa eine deutliche Licht-, Lärm-, Geruchs- oder Berührungsempfindlichkeit.

 

 

 

 

Viele Betroffene neigen zur Introvertiertheit

 

 

 

Zudem sind etwa 70 Prozent der Betroffenen introvertiert. "Das heißt, dass sie ihre inneren Batterien auftanken, wenn sie alleine sind und nicht etwa in Gruppen", erläutert Birgit Trappmann-Korr. Eine große Rolle spielten Gefühle: "Sie nehmen Stimmungen anderer Menschen stärker wahr und lassen sich schnell davon beeinflussen", sagt sie. Typisch sei auch, dass sich Hochsensible seit ihrer frühsten Kindheit "anders" fühlten und sich stets sehr viel Gedanken über sich selbst machten, weiß die Expertin.

 

 Im Alltag sind Hochsensible schneller als ihre Mitmenschen "überreizt": "Wenn viele Menschen an einem Ort versammelt sind, etwa in der Straßenbahn oder im Großraumbüro, stresst das", sagt Michael Jack, der heute Präsident des Informations- und Forschungsverbunds Hochsensibilität e. V. mit Sitz in Bochum ist. Hochsensible neigten dazu, Schwierigkeiten mit Small Talk zu haben und würden aufgrund ihrer Introvertiertheit schneller gemobbt, ist seine Erfahrung. Und Trappman-Korr ergänzt: "Durch die ständige Reizüberflutung und die damit verbundenen körperlichen Stressreaktionen laufen sie auch Gefahr, an psychosomatischen Beschwerden zu erkranken oder ein Burn-out zu bekommen."

 

 

 

 

Hochsensible nehmen alles intensiver wahr

 

 

 

Viele Betroffene verspüren eine deutliche Erleichterung, wenn sie davon erfahren, dass sie hochsensibel sind. "Die Irritation über die Irritation war bei mir anschließend weg", so drückt es Michael Jack aus. "Ich nehme es nun wahr, dass ich anders bin, und akzeptiere es." Er hat gelernt, mit seiner Besonderheit umzugehen. Bestimmte Reize vermeide er einfach: "Man entwickelt Strategien, die helfen."

 

 

Dabei sei Hochsensibilität keineswegs nur ein Fluch, sondern auch eine Begabung, findet Trappmann-Korr: "Eine hohe Wahrnehmungsfähigkeit kann auch ein Vorteil sein, etwa wenn man neue Parfüms kreiert oder als Sommelier arbeitet." Viele HSM seien außerordentlich musikalisch oder künstlerisch begabt. Hochsensible spüren und registrieren Dinge, die andere übersehen. Und sie können sich besonders gut in andere Menschen hineinversetzen und sie beraten: "Sie werden etwa Priester", sagt Trappmann-Korr, "oder sie studieren Psychologie". So wie sie selbst.

 

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