Es ist an der Zeit etwas zu tun!

Vorwort

Im Sommer 2015 schrieb ich gemeinsam mit meiner Kollegin Frau Dipl. Psych. Barbara Kreidler einen Artikel für die Internetseite des Verbandes pro Sensitivität & Empathie im Beruf e. V. , der  heute aktueller denn je scheint  und daher wieder das Licht der Welt erblicken soll - 

Vergessen ist so leicht...

Unfassbare Bilder erschütterten uns nach dem Flugzeugabsturz der Germanwings Maschine in Südfrankreich. Heute spielt dies in der Presse und öffentlichen Diskussion keine Rolle mehr, dennoch -

Wir versuchen die unglaubliche Tragödie in ein Gewand der Analyse zu packen und stoßen nach dem Stand der Ermittlungen auf den Faktor Mensch.

 

Ungeachtet der vermutlich noch laufenden Ermittlungen über die Ursache des Absturzes wird von einem jungen Mann geredet, der in Ausübung seines Berufes in einem entscheidenden Moment eine entscheidende Wahl getroffen haben soll, bei der uns die Worte versagen.

Weltweite Fassungslosigkeit, Entsetzen, unendliche Trauer, Anteilnahme und Mitgefühl erschüttern uns und Bundespräsident Joachim Gauck spricht davon, dass sich in der Notsituation erweise, "dass wir in einer Gesellschaft von Menschen leben und nicht nur von funktionierenden Wesen".

 

Was uns bei aller Trauer umtreibt ist die Frage nach dem "Warum" und die Frage danach, was wir tun können, damit sich eine solche Tragödie nicht mehr wiederholt.

 

Behandeln wir Menschen wie Maschinen?

Seit der Industrialisierung haben wir viel gelernt und viele Maschinen erfunden, die wir immer weiter optimieren und auch der Anspruch an uns selbst und an unsere Mitarbeiter wächst kontinuierlich. Wir wünschen uns eine optimale "Funktion", aber haben wir angesichts aller Testdiagnostik nicht etwas vergessen?

Was ist mit dem Faktor Mensch?

Was ist mit Menschen in Berufen, in denen Verantwortung für andere Menschenleben übernommen wird?

Unterstützen und behandeln wir insbesondere sie bestmöglich wie Menschen, oder behandeln wir sie wie Maschinen?

Bieten wir Ihnen in Unternehmen und Organisationen Persönlichkeits- und Potentialentfaltung anstatt psychologische Testdiagnostik? 

 

Nein. Das tun wir nicht.

 

Wir sammeln statt dessen wissenschaftliche Daten über Verhaltens- und Persönlichkeitskomponenten, die valide Schlüsse über Charaktermerkmale oder Persönlichkeitsdispositionen zulassen – mehr nicht. Als Autorinnen dieses Artikels und als Psychologinnen plädieren wir für die dringende Notwendigkeit einer professionellen  Begleitung im Sinne einer Persönlichkeitsentwicklung in Arbeitskontexten und Unternehmen.

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Was heißt Persönlichkeitsentwicklung?

Persönlichkeitsentwicklung heißt:

•   Ich lerne mit Krisen umzugehen

•   Ich lerne den Umgang mit meinen eigenen – u.U. auch traurigen oder schmerzhaften Gefühlen zu meistern

•   Ich erkenne meine körperlichen Belastungsgrenzen und akzeptiere sie

•   Ich erkenne meine psychischen Belastungsgrenzen und akzeptiere sie

•   Ich pflege einen freundschaftlichen Umgang mit mir selbst

•   Ich entwickle mich und entfalte meine ganz eigene Persönlichkeit

 

Persönlichkeitsentwicklung bedeutet aber auch, die Verantwortung für die Komponenten des eigenen Lebens zu übernehmen. Wer einen gebrochenen Arm hat, geht zum Arzt, lässt sich behandeln und muss gegebenenfalls einen Gips tragen. Die Verletzung ist dann sichtbar.

Die Komponenten von Persönlichkeitsentwicklung sind nicht immer sichtbar und doch sehr konkret. Es ist an der Zeit, einen Teil der Wahrnehmung auch nach Innen zu richten, um dies zu erkennen.

 

Die Neuropsychologie weiß, dass der fruchtbarste Boden für Entwicklung durch zwei Komponenten bestimmt wird:

•   Das Gefühl, mit anderen Menschen in (echter) Beziehung zu stehen

•   Die Erfahrung wachsen zu können

Beides sind Grundvoraussetzungen für Lernen, Motivation und Leistungsfähigkeit in allen Lebensbereichen.

Persönlichkeitsentwicklung im Beruf

Wenn die Diskrepanz zwischen der inneren Reifung eines Menschen und der Rolle im Beruf zu groß wird, kann das verheerende Folgen haben. Wir sprechen von Selbsterfahrung, Selbstreflexion und einem, wie weiter oben erwähnten, Zugang. Dies schließt Kenntnissen über eigene Gefühle und den Umgang damit selbstverständlich ein. Dies ist besonders relevant, wenn Menschen in leistungsorientierten Kontexten trainiert und geschult sind und die Schulung über den Umgang mit den eigenen Gefühlen fehlt.

 

Die vielen täglichen und kleinen Folgen dieser gefährlichen Diskrepanzen werden nicht in die Medien getragen und dennoch kennen wir sie vermutlich alle:

•   Führungspersönlichkeiten, die noch nicht wissen, wie die neuen Herausforderungen an Führung gelingen können

•   Mitarbeiter resignieren in innerer Kündigung und wertvolle Potentiale bleiben oftmals ungenutzt

Zu „führen“ heißt zukünftig unter anderem Menschen einzubinden in hilfreiche und inspirierende Gespräche. Es heißt, zu viel gelebte Kontrolle aufzugeben und intuitive Entscheidungen in einer immer komplexeren Welt zu treffen. Es heißt, einer Sache, einem Projekt und den Menschen zu „dienen“ – es heißt hierarchisches Denken aufzugeben und durch Kommunikation, Augenhöhe und Wertschätzung zu ersetzen. Es heißt noch vieles mehr. Die Veränderungen sind bereits deutlich sichtbar. Begleitet und eingebettet durch Fachleute sind sie allerdings noch viel zu wenig oder gar nicht.

 

Psychotherapeuten als Berufsgruppe sind – genauso wie viele andere Menschen in beratenden Berufen- Experten für menschliche Entwicklungsprozesse. Sie begleiten seit Jahrzehnten durch Krisen und Entwicklungen - jeder Psychotherapeut, der nach den Internationalen Klassifikationssystemen (ICD-10 und DSM-IV) diagnostiziert, weiß dass es in der täglichen Arbeit vor allem die Beziehung zum Menschen ist, die Besserung verschafft. Gekoppelt mit Vertrauen, Empathie und ressourcenorientierten Verfahren wissen Fachleute sehr genau, zu was Menschen fähig sind, wenn eine Krise bewältigt wurde oder ein bestimmtes Persönlichkeitsmerkmal positiv eingebunden wird. Diese Berufsgruppen wissen, welche Chance und welches Potential, welche Kreativität durch persönliche Entwicklung freigesetzt werden kann.

 

Wir benötigen jetzt die Begleitung durch Fachleute mit ihren spezifischen Kompetenzen in Arbeitskontexten. Als Psychologen wissen wir, dass diese Entwicklung als „Lebenserfahrung“ auch ein selbstverständlicher Prozess ist. Und wir wissen auch, dass dieser Prozess in jedem Alter bewusst begleitet und auch erfahren werden kann – dies vor allem auch im Sinne einer Potentialentfaltung, also einer Erweiterung nicht gelebter Fähigkeiten.

Die psychosoziale Lage arbeitender Menschen ist dramatisch, wir brauchen Experten für menschliche Entwicklung und wir brauchen den Mut, neue Konzepte und Paradigmen in unseren Organisationen zielstrebig und ohne Verzögerungen umzusetzen.

Computer und Roboter bekommen keinen Burnout und sie bekommen auch keine Depressionen. Maschinen kennen keinen subjektiv erlebten Stress, denn sie haben keine Emotionen.

 

Das ist jedoch bei uns Menschen ganz anders, denn wir haben die wunderbare Fähigkeit eine Gefühlswelt erleben zu dürfen. Das macht uns menschlich, aber das macht uns auch verletztlich.

Wenn wir in der Berufswelt und in der Schule wie Computer und Roboter behandelt werden, wenn Sensitivität und Empathie nur eine untergeordnete Rolle spielen, dann streikt unser menschliches "System".

 

Es streikt auch, wenn wir uns selbst nicht mit dem nötigen Feingefühl beachten, oder Situationen als gegeben akzeptieren, weil wir denken, dass es keinen anderen (Aus-)Weg gibt. Wir leiden aus diesen Gründen dann an etwas, was wir Burnout nennen. Wir fühlen uns erschöpft und ausgebrannt, oder kurz davor -

 

Die aktuelle Situation

Insgesamt ist seit 1994 bei den Arbeitsunfähigkeitsfällen ein Anstieg der psychischen Erkrankungen von mehr als 100 Prozent, bei den Arbeitsunfähigkeitstagen um nahezu 90 Prozent zu verzeichnen.

Circa 30 % der Bevölkerung leiden innerhalb eines Jahres an einer diagnostizierbaren psychischen Störung. Am häufigsten sind Depressionen, Angststörungen, psychosomatische Erkrankungen und Suchterkrankungen.

 

Hinzu kommen immer mehr Fälle von Burnout, Stress und totaler Erschöpfung, die meist nicht als psychische Erkrankung, sondern gesondert diagnostiziert werden. Allein mit Burnout waren vergangenes Jahr - hochgerechnet auf sämtliche gesetzlich versicherte Beschäftigte in Deutschland - knapp 100 000 Menschen krankgeschrieben.

 

Auch Kinder sind betroffen

Nach verschiedenen Untersuchungen gelten zwischen 20 und 25% aller Kindergartenkinder als verhaltensauffällig oder psychisch gestört. Psychische Erkrankungen und Verhaltensprobleme bei Kindern und Jugendlichen nehmen kontinuierlich zu.

In allen Altersgruppen, bei beiden Geschlechtern, in allen Schichten und in allen Nationen zunehmenden Wohlstands nehmen seelische Erkrankungen zu und besitzen ein besorgniser­regendes Ausmaß.

Konsequenzen

Ungeachtet der humanen, ethischen und moralischen Konsequenzen, nehmen die gesellschaftlichen Kosten der Gesundheitsschäden durch Produktivitätsausfälle, medizi­nische und therapeutische Behandlungen, Krankengeld und Rentenzahlungen enorm zu.

 

Eine angemessene medizinische und therapeutische Versorgung ist weltweit nicht möglich (Psychozoziale Lage in Deutschland). Trotz der kontinuierlichen Zunahme an psychosozialen medizinischen Versorgungsangebo­ten ist die Versorgung auch in Deutschland angesichts der Dynamik und des Ausmaßes der seelischen Erkrankungen nur in Ansätzen möglich!

 

Wir müssen etwas tun und zwar ganz schnell, denn Vorbeugen ist besser als Heilen. An sich ist es unfassbar, dass wir unseren menschlichsten Faktor, die Emotionen, völlig ignorieren und nicht als Quelle von Krankheiten anerkennen. Gleichzeitig bremsen wir damit persönliches Wachstum, Potentialentfaltung und Wohlbefinden aus.

Fazit

Wenngleich auch die volkswirtschaftlichen Schänden durch diese Haltung enorm sind, so sind wir

-was weitaus schlimmer ist-

offensichtlich noch weit davon entfernt unsere Welt als human zu bezeichnen.

Birgt Trappmann, (M. A.)

Dipl. Psych. Barbara Kreidler

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