Am 11. Dezember 2013 um 10:00 Uhr startete im Notizbuch auf Bayern2Radio einen Schwerpunkt zum Thema Hochsensibilität. Alls Fachfrau war ich im Gespräch mit Monika von Aufschnaiter.

Hier finden Sie den dazugehörigen Artikel, der anschließend auf den Seiten des Senders veröffentlicht wurde.


Hochsensibilität

Überwältigt vom Erleben

Hochsensibilität oder Hochsensitivität ist keine Krankheit, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal, eine Wahrnehmungsbegabung. Hochsensible Menschen nehmen mit allen Sinnen intensiver wahr als andere: mit ihren Augen, Ohren, ihrer Nase, mit ihrer Haut und "mit ihrer Intuition". Sie spüren, was andere Menschen fühlen oder denken – wissen aber manchmal nicht, wie sie damit umgehen sollen. Doch wenn das gelingt, kann das zu einem sehr erfüllten Leben beitragen.

Von: Monika von Aufschnaiter

Stand: 26.06.2014

Viele Hochsensible erfahren durch Zufall davon, "was mit ihnen los ist". Oft empfinden sie das als große Erleichterung. Es gibt verschiedene Bücher und Webseiten, die sich mit dem Phänomen Hochsensibilität befassen. Fragenkataloge helfen herauszufinden, ob man selbst betroffen ist und wie stark.

"Bis vor ein paar Jahren dachte ich immer, ich sei überempfindlich. Das war eine große Erleichterung, zu erfahren, wie das heißt und dass es auch anderen so geht."

Betroffene, 46 Jahre

Das hochsensible Kind

Reizüberflutung: Grelles Licht, eine übergroße Auswahl, Dudelmusik - (nicht nur) für Hochsensible wird der Einkauf dadurch zur Qual.
Reizüberflutung: Grelles Licht, eine übergroße Auswahl, Dudelmusik - (nicht nur) für Hochsensible wird der Einkauf dadurch zur Qual.

Wer den Verdacht hat, ein hochsensibles Kind zu haben oder eines mit AD(H)S: Eine klare Abgrenzung ist aus wissenschaftlicher Sicht noch nicht möglich - doch es gibt eine beachtliche Schnittmenge. Deshalb kann es für Eltern hilfreich sein, über beide Phänomene Bescheid zu wissen. Auch mit Hochbegabung gibt es einige Gemeinsamkeiten. Pionierin der Hochsensibilitäts-Forschung war die amerikanische Therapeutin Elaine Aron, die in den 70er-Jahren Bücher dazu veröffentlichte.

Anzeichen für Hochsensibilität

  • Starke Reaktion auf visuelle Eindrücke, Gerüche, Berührungen - positiv wie negativ.
  • Intensives Wahrnehmen von Stimmungen, auch anderer Menschen
  • Großes Bedürfnis nach Rückzug und Stille.
  • Schwierigkeiten, die Erlebnisse des Tages zu verarbeiten.
  • Gefühl von Überforderung beim Zusammensein mit vielen Menschen.
  • Popkonzerte, Einkaufszentren und Partys werden als sehr anstrengend empfunden Prinzessin auf der Erbse - im Königreich der Sinne

Bisweilen scheint es so, dass die "unpraktischen" Begleiterscheinungen von Hochsensitivität mehr auffallen als ihre Vorteile. Denn wer sehr viel wahrnimmt, hat auch sehr viel zu verarbeiten. Für Partner, Eltern oder Freunde von Hochsensiblen ist es hilfreich, zu wissen, warum gewisse Eigenheiten oder Empfindlichkeiten so ausgeprägt sind.

Hochsensibilität: Übung zum Mitfühlen

Das Kämmen beim Friseur, Hochsteckfrisuren - dabei kann hochsensiblen Menschen die Kopfhaut richtig weh tun.
Das Kämmen beim Friseur, Hochsteckfrisuren - dabei kann hochsensiblen Menschen die Kopfhaut richtig weh tun.

Wie empfinden hochsensible Menschen im Alltag? Eltern, Verwandten oder Partnern von Betroffenen kann es helfen, sich eine (verschärfte) Variante der Situation vorzustellen, in der es ihnen ähnlich gehen würde - weil da auch ihre "Reiz-Schmerzgrenze" überschritten wäre. Denn für einen Hochsensiblen kann sich das Kämmen beim Friseur tatsächlich so anfühlen, als würde man ihm alle Haare ausreißen, und das Scheuern eines Etiketts in einem Kleidungsstück wird empfunden wir eine Käsereibe direkt auf der Haut. Insofern verwundert es nicht, dass hochsensible Kinder beim Nägelschneiden vor Schmerzen zucken und schreien oder dass sie Angst davor haben, unbekannte Nahrungsmittel zu kosten. Denn eine unangenehme Konsistenz oder Geschmacksrichtung wird sehr intensiv erlebt.

Mögliche "Nebenwirkungen" von Hochsensibilität

  • Rauch oder Parfums erscheinen "unerträglich"
  • Einkaufen in größeren Geschäften führt zu Gereiztheit
  • Ein leichtes Hungergefühl führt bereits zu Schwindel und sehr schlechter Laune.
  • Hochsensible gehen bei Partys als erste heim, weil sie müde sind. Sie brauchen oft mehr Schlaf als andere.
  • Sie sind sehr "heikel" beim Essen.
  • Sie fühlen sich in Lokalen gestört durch (laute) Musik oder Bildschirme.
  • Sie können Kleidungsstücke nicht ertragen, weil sie jucken oder scheuern.
  • Neonlicht macht sie nervös und unkonzentriert.

Von der Belastung zur Begabung

Hochsensibilität ist eine Wahrnehmungsbegabung. Eine Theorie besagt, dass Hochsensible in der Evolution diejenigen waren, die zwar weniger gern kämpften, dafür aber Gefahren vor allen anderen bemerkten. Etwa 15 Prozent der Menschen sind davon betroffen. Wenn sie davon erfahren, fällt oft eine große Last von ihnen ab. Das nennt man den "Gebirgsketteneffekt". Denn viele Hochsensible wachsen in dem Glauben auf, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Sie haben schon als Kind gelernt, dass sie sich nicht "so anstellen sollen". Oder sie hatten niemanden, dem sie ihre Empfindungen mitteilen konnten und kamen zu dem Schluss: "Was ich da fühle, bilde ich mir nur ein."

"Wenn ich über mich und das Photographieren spreche, erzähle ich immer von dem “Blick”, den ich habe. Ich denke, dass viele Menschen Vieles sehen, aber ob sie es so sehen wie ich, das bezweifle ich."

Fotokünstlerin Wolkenstaub, hochsensibel, 23 Jahre

Feine Wahrnehmung in Bildern

Das hilft hochsensiblen Kindern

  • Reizreduktion: weniger ist mehr - viele Ruhepausen einplanen
  • Offenheit: Eltern sollten offen sein für Empfindungen des Kindes und sie ernst nehmen.
  • Wertschätzung: Dem Kind vermitteln: Du bist in Ordnung, so wie du bist.
  • Gesunde Abgrenzung: Dem Kind helfen, eigene Empfindungen von denen anderer zu trennen und immer zuerst für sich selbst zu sorgen.
  • Gesunde Abgrenzung selbst praktizieren und dem Kind vorleben.

Erfüllung statt Überflutung

Hochsensible sind Meister im Genießen mit allen Sinnen.
Hochsensible sind Meister im Genießen mit allen Sinnen.

Wer die eigene Fähigkeit, intensiver wahrzunehmen, richtig einsetzt, kann auch ein besonders erfülltes Leben leben. Hochsensible haben oft eine Gabe fürs Zuhören, sie können gut mit Tieren umgehen oder sie haben ein besonderes Gespür für Pflanzen. Ihre differenzierte Wahrnehmung eröffnet besondere Möglichkeiten der Verwirklichung in künstlerischen oder helfenden Berufen - wenn es den Menschen gelingt, gut für sich zu sorgen und sich auch abzugrenzen. Denn Neinsagen, das fällt hochsensiblen Menschen oft schwer - spüren sie doch oft nur zu deutlich, was andere gerade brauchen.

"Die wichtigste Strategie ist, dass ich mir genehmige, damit nichts zu tun haben. Ich muss diese Leute nicht retten, ich kann ihnen nicht helfen. Ich kann es bei ihnen lassen."

Betroffene, 46 Jahre

Literatur und Links


Quelle: BR Radio